13.12.2018
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Erfahrungsbericht eines Stammzellspenders


Uwe Hauck (11. Dezember 2004)

Uwe Hauck
Uwe Hauck

Manche Daten vergisst man nie mehr.

Für mich beginnt das mit dem 2. September 2004.

Zum zweiten Mal erhalte ich jenen bekannten Brief, in dem mir angekündigt wird, ich stimme  in mehreren Gewebemerkmalen mit einem Patienten überein. Schon vor drei Jahren war ich der "richtige Spender für einen Patienten", damals wurde ich aber zurückgestellt und dann nicht mehr gebraucht.

Nun bittet die DKMS mich erneut, eine weitere Blutentnahme bei meinem Hausarzt zur Bestätigungstypisierung machen zu lassen. Da ich das Prozedere schon kenne, hält sich meine Aufregung noch in Grenzen.

Doch dann kommt der 23. Oktober 2003. Wieder ein Brief von der DKMS. Diesmal ganz dünn und ich öffne ihn in der Erwartung, dass ich dann doch nicht passe. Doch ich bin der richtige Spender! Ich kann bis heute nicht wirklich beschreiben, was mir alles in diesem Moment durch den Kopf gegangen ist. Natürlich ist es Samstag, so dass ich erst in zwei Tagen jemanden bei der DKMS erreichen kann.

Montag rufe ich an und man informiert mich ausgesprochen ausführlich über das weitere Vorgehen. Es werden die Termine festgesetzt für die Voruntersuchung und für die eigentliche Entnahme. Für "meinen Patienten" bittet die Empfängerklinik um die Apherese. Diese wird in Nürnberg durchgeführt und ich werde dort auch am 2. November zur Voruntersuchung erwartet.

Doch noch bevor ich mich auf den Weg nach Nürnberg machen kann, ergibt sich eine kleine Verschiebung. Die Empfängerklinik bittet, den Entnahmetermin vom 22. und 23. November auf den 2. und 3. Dezember zu verlegen. Für mich ,wie sich bald herausstellen soll, ein sehr glücklicher Umstand. Doch zu diesem Zeitpunkt bin ich etwas besorgt, da wir unser drittes Kind um den 15. Dezember erwarten. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellen soll.

In meiner Firma werde ich vorstellig, um für die Voruntersuchung und die Entnahme eine Regelung zu finden. Da aber alles mit viel Verwaltung zu tun hätte, einigen wir uns darauf, dass ich unbezahlten Urlaub für die Zeit nehme. Um meine Umgebung in Gespräche zu verwickeln und auch über die Apherese und die Typisierung aufzuklären, habe ich mir den Puzzle-Pin ans Revert geheftet und werde auch des öfteren mit meist positivem Feedback auf die Bedeutung des Pins angesprochen.

Dann der 2. November. Morgens um 6 Uhr bereits geht es auf die Autobahn Richtung Nürnberg, wo man mich bereits erwartet. Ich bekomme 20 Blutproben abgenommen, muss einen Ultraschall und ein EKG machen lassen und bekomme die Anwendung der Granozyte Spritzen erklärt. Alle kümmern sich wunderbar um mich und ich fühle mich in wirklich guten Händen. Mein Patient stammt aus Amerika und ist ein erwachsener Mann. Später werde ich noch erfahren, dass er bereits 70 Jahre alt ist. Ich habe also einen älteren Bruder !

Mit vielen neuen Informationen und einer Tüte mit den 9 Spritzen fahre ich wieder nach hause. Es ist wirklich ernst geworden. Jetzt werde ich spenden.

Etwa eine Woche später erhalte ich einen Brief von der DKMS, in dem mir nochmals bestätigt wird, dass ich auch gesundheitlich als Spender in Frage komme. Gleichzeitig lässt mir die Nürnberger Klinik eine genaue Aufstellung meiner Befunde für den Hausarzt zukommen. Alles bestens, es kann los gehen.

Doch der 10. November ist für mich in ganz anderer Beziehung ein besonderer Tag.

5 Wochen zu früh entschließt sich unser Sohn Marc auf die Welt zu kommen. Plötzlich kann ich all die Sorgen, die Ängste nachvollziehen, die die Familie des Patienten empfinden muss. Denn unser Sohnemann muss zunächst auf die Frühchenintensivstation. Zwar gibt es keine Auffälligkeiten und er entwickelt sich prächtig, doch an diesem Tag, als ich mit ihm im Brutkasten die Krankenschwester auf die Frühchenstation begleite, da spüre ich, wie wichtig Gesundheit ist, wie wertvoll und wie schnell man selbst in die Lage geraten kann, Hilfe zu brauchen; Lebenshilfe.

Doch alles geht gut und unser Sohnemann entwickelt sich prächtig, auch dank der tollen Arbeit der Station B2 im Diak, die uns wirklich super unterstützt.

Pünktlich einen Tag vor dem ersten Advent darf Marc dann auch nach hause und exakt am ersten Advent morgens um 7:00 verabreiche ich mir die erste Spritze. Zugegeben, ich war kein Held in der Beziehung. Es hat schon eine ordentliche Überwindung gekostet, aber als die erste Spritze geklappt hat, ist alles andere nur noch halb so schlimm.

Alle weiteren Spritzen gehen problemlos, und obwohl mich das auch etwas besorgt, bin ich froh, keine Nebenwirkungen zu verspüren. Wenn nur das Medikament auch gut wirkt !

Dann ist er da, der große Tag. Der 2. Dezember 2004. Ich bin schon um 5:45 Uhr wach, verabreiche mir noch die letzte Spritze und dann geht es wieder auf die Autobahn in Richtung Nürnberg.

Dort soll ich mich sofort auf der KMT Station melden, wo ich auch schon wirklich erwartet werde. Es ist 8:30 und die Dienst habende Schwester ist froh, mich so früh zu sehen, da dann der ganze Ablauf zügig durchgeführt werden kann.

Ein Arzt setzt mir die  Nadeln für die Apherese, dann muss ich noch mal 5 Proben Blut da lassen. Die Amerikaner nehmen es wohl sehr genau mit den Analysen. Dann werde ich an die "Maschine" angeschlossen und von da an bin ich zum Still Sitzen verdammt. Lediglich über eine Fernbedienung kann ich die Position des Stuhls in dem ich sitze verändern.

Hat was von diesen luxuriösen Fernsehsesseln.

Nach 4 1/2 Stunden ohne Zwischenfälle bis auf gelegentliche Alarme wenn der Venendruck zu gering war, werde ich wieder "abgestöpselt". Ich bekomme sogar noch ein leckeres Mittagessen. Irgendwie fühle ich mich viel zu verwöhnt, wenn ich daran denke, was gleichzeitig mein Empfänger wohl durchstehen muss. Aber ich weiß, jetzt ist mein möglichstes getan, nun bleibt mir nur noch zu hoffen, dass meine Stammzellen ihm im Kampf gegen die Krankheit helfen können.

Es bleibt mir noch 1 1/2 Stunden Zeit bis das Labor weiss, ob ich genug Stammzellen geliefert habe, also nutze ich die Chance und besuche zum ersten Mal in meinem Leben den Nürnberger Christkindlsmarkt und kaufe ein paar kleine Mitbringsel für zu hause.

Dann um 15 Uhr wie besprochen finde ich mich wieder auf der KMT Station ein. Die Schwester grinst nur und meint "Sie sind fertig. Wir haben 5 gebraucht und sie haben 7 geliefert." Ich weiss zwar weder was 5 noch 7 bedeuten aber dass ich genug Stammzellen gebildet habe ist klar. Also nichts wie nach hause zu meiner Familie, die in diesen aufregenden Wochen gleich um zwei Personen grösser geworden ist. Um meinen Sohn Marc und meinen großen, genetischen Zwillingsbruder in den USA.

Meine Gedanken und all meine besten Wünsche sind nun bei ihm. Und meine Stammzellen, die ihm hoffentlich helfen werden.

Und ich möchte mich bedanken: Bei meiner Betreuerin während der Spende Frau Bochert, Herrn Wittwer, der mir so geduldig im Forum geantwortet hat und allen Mitarbeitern der DKMS für die wunderbare Betreuung. Und auch beim Team der KMT Station und Haus 11 in Nürnberg für tolle Betreuung und ausführlichste Informationen.

Und auch bei allen Mitarbeitern der Station B2 des Schwäbisch Haller Diakonischen Krankenhauses. Ohne Sie wäre unser Sohn Marc heute nicht gesund und sehr munter bei uns.

Das Leben zeigt einem manchmal auf ungewöhnliche Arten, was wichtig und was wertvoll ist.

Aber ich bin für die vergangenen Monate sehr dankbar. Und werde auch weiterhin jederzeit bereit sein, wenn meine Hilfe benötigt wird.

Uwe Hauck

Vielen Dank für den Bericht an
Uwe Hauck


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