13.12.2018
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Erfahrungsbericht einer Stammzellspenderin


von Christina Schumann (14. Oktober 2003)

Im März 1993 haben Freunde mich mit zu einer Typisierungsaktion "geschleppt".

Unterwegs im Auto haben sie mir erzählt, dass man durch Blutentnahme feststellt, ob man einem Leukämiepatienten durch Knochenmarkspende helfen kann.

Da außer uns noch sehr, sehr viele (später stand in der Zeitung 2000) in der Schlange mit anstanden, war ich mir sehr sicher, das Richtige zu tun.

Sechs Monate später erhielt ich die erste Anfrage, dass ich evt. als Spender in Frage käme. Allerdings war ich zu der Zeit schwanger, habe aber trotzdem der so genannten B-Typisierung zugestimmt.

1996 erhielt ich wieder einen "dicken" Brief mit vielen Fragebögen und einer weiteren Spendermöglichkeit. Nach einer nochmaligen Blutabnahme stand aber fest, dass ich nicht als Spender in Frage komme. Darüber war ich eigentlich froh, da ich meine 2. Tochter zu dem Zeitpunkt noch voll gestillt habe.

Im August 2003, als wir aus dem Urlaub kamen, war wieder ein "dicker" Brief von der DKMS da, mit der Bitte, mich schnellstmöglich zu melden. Ich habe sofort, ich war ja mittlerweile etwas routiniert, in Tübingen angerufen und meine Spendenbereitschaft zugesichert. Wieder wurde kurzfristig eine weitere Blutentnahme bei meinem Hausarzt vereinbart. Nach 2 Wochen bekam ich einen dünnen Brief. Ich dachte nur, das ist die Absage. Aber als ich den Inhalt gelesen habe und mir klar wurde, dass ich, ausgerechnet ich, die Nadel im Heuhaufen sein würde, habe ich erstmal geheult. Dann habe ich meinen Mann im Dienst angerufen, der hat mich beglückwünscht (er ist schon genauso lang typisiert wie ich!) und sich mit mir gefreut.

Der Rückruf bei der DKMS war lang und ausführlich, in der Zwischenzeit habe ich dort eine Betreuerin zugeordnet bekommen, an die ich alle möglichen und auch unmöglichen Fragen stellen konnte. Nun musste ein Termin im Knochenmarktransplantationszentrum (KMT-Zentrum) ausgemacht werden, nach Rücksprache mit meinem Arbeitgeber konnte das schon 2 Tage später sein.

Meine Betreuerin schickte mir alle Unterlagen und Zugverbindungen und ich fuhr sehr aufgeregt im ICE nach Dresden und weiter mit dem TAXI zur Uniklinik. Dort wurde ich schon vom Apherese-Team erwartet. Als ich zur Tür im KMT-Zentrum kam, liefen mir gleich zwei Krebspatienten ohne Haare über den Weg. Ich war mir dadurch noch viel sicherer den richtigen Schritt zu tun. Der Empfang war nett und es wurden einige Untersuchungen (EKG, Ultraschall) gemacht. Wieder musste ich sehr viele Fragen beantworten und nochmals viele Röhrchen Blut abgeben. Dann stand fest:

Ich bin 100 Prozent geeignet um meinem genetischen Zwilling das Leben zu retten.

Nun erfuhr ich auch, dass mein Patient aus den USA kommt.

Im KMT-Zentrum bekam ich alles genau erläutert und konnte auch 3 anderen Spendern "über die Schulter" schauen. Dann bekam ich das Medikament Granuzyte 34 und Paracetamol gegen die Nebenwirkung. Mit stolzgeschwellter Brust bin ich dann im ICE wieder nach Hause gefahren, froh, gesund zu sein und glücklich, zur deutsch-amerikanischen Freundschaft beizutragen.

Nach 2 Wochen bekam ich einen Anruf, dass mein Patient an einer Augeninfektion erkrankt sei und man diese erst bekämpfen muss, ehe man die hoffentlich letzte Chemo beginnen würde. Also wurde die Stammzellentnahme um eine Woche verschoben.

Mein Arbeitgeber gab mir auch wieder problemlos frei (die Lohnkosten werden für die Ausfalltage wurden komplett von der DKMS übernommen!).

Zur gleichen Zeit nahm ich Kontakt zu einem Kollegen auf, der gerade von seiner eigenen Leukämie "auferstanden" ist. Wir haben uns lange unterhalten und er gab mir noch viele nützliche Internetadressen, da ich mich noch ein bisschen intensiver mit Leukämie auseinander setzen wollte. Wir haben dann fast ein bisschen gefachsimpelt und er war glücklich, dass er mich begleiten konnte.

Ich habe während dieser Zeit viel geträumt und dadurch schon zig Mal "gespendet". Ich hatte plötzlich für meinen genetischen Zwilling auch irgendwie Verantwortung. Ich wusste durch die Aussagen meines Kollegen, was passiert, wenn mir etwas zustoßen würde. Ich habe den Gedanken an meinen Patienten eigentlich die ganze Zeit mit mir "rumgetragen", ich wusste ja auch durch den Erfahrungsaustausch mit meinem Kollegen, wie schlecht es ihm während seiner letzten Chemo geht.

Fünf Tage vor der Stammzellentnahme musste ich mich morgens und abends mit dem Medikament aus dem KMT-Zentrum spritzen, um meinem Körper eine fiktive Infektion vorzutäuschen, damit er dementsprechend viele Stammzellen produziert. Die Spritzen haben mir ein befreundeter Rettungsassistent und meine Freundin, die Krankenschwester ist, verabreicht. Zum selber spritzen fehlte mir einfach der Mut.

Der "Waschzettel" enthielt eine Menge Nebenwirkungen, die ich auch prompt in vollem Umfang "mitgenommen" habe. Mir ging es nicht so toll, aber ich habe auch ohne Krankschreibung durchgehalten. Meine Familie und Kollegen haben mich besonders gut gepflegt (sprich: mich in Ruhe gelassen).

Dann bin ich einen Tag vor Entnahme wieder nach Dresden, alles wieder gut organisiert durch meine DKMS-Betreuerin. Ich hätte die Möglichkeit gehabt in der Nähe des KMT-Zentrums im Hotel zu übernachten, allerdings habe ich den Besuch mit Übernachtung bei Freunden vorgezogen. Am Abend haben wir lange über die Stammzellentnahme gesprochen. Geschlafen habe ich in der Nacht kaum, die Aufregung war doch zu groß. Am Donnerstag früh um 9 Uhr fuhr ich wieder per Taxi ins KMT-Zentrum. Man wartete schon auf mich. Ich war an diesem Tag die einzige Spenderin und hatte so drei Krankenschwestern für mich alleine. Ich bekam am rechten und linken Arm einen Zugang und lag dann fünf Stunden "fest angebunden" an der Maschine, die mein Blut in all seine Bestandteile getrennt hat. Meine Stammzellen sahen lachsfarbig aus und waren ziemlich dickflüssig. Ich konnte während der Entnahme sehr bequem liegen, lesen und bin gut mit Getränken und belegten Brötchen versorgt wurden. Den Spendern, die an diesem Tag ihre Voruntersuchung hatten, diente ich als Anschauungsmaterial und wir hatten alle viel zu lachen und zu erzählen. Nach drei Stunden musste ich dann doch mal zur Toilette und ich wurde "abgestöpselt". Die Nadeln blieben aber drin. Etwas umständlich, aber machbar. Da ich die Nächte vorher kaum geschlafen hatte, bin ich bei der Blutwäsche immer wieder eingeschlafen. Allerdings piepste dann sofort die Maschine. Man hat die ganze Zeit einen kleinen weichen Ball in der Hand und muss "pumpen", sobald man damit aufhört, piepst es ebenfalls.

Gegen 14 Uhr hatte ich es für diesen Tag geschafft. Mein Kreislauf war mächtig im Keller und ich war einfach überwältigt, dass ich es geschafft hatte. Eine Schwester war der Meinung, dass meine Stammzellen die "pure Sahne" sind, dass die Menge wahrscheinlich ausreicht und ich nicht noch mal am nächsten Tag kommen muss. Die Entscheidung sollte aber das Labor treffen. Ich hatte vorsorglich den Zugang zum linken Arm (Flexuele) drin gelassen, um mich am Freitag dann nur einmal piesacken zu lassen. Ich hinterließ meine Handy-Nummer und bin dann mit meiner Freundin bei schönstem Sonnenschein in den Pillnitzer Park Kuchen essen gegangen. Unterwegs habe ich dann die Nachricht aus dem Labor bekommen: Ich hätte super Stammzellen gespendet und auch dem Gewicht meines Patienten entsprechend ausreichend. Ich brauchte also nicht noch mal an die Maschine. Ich war sehr glücklich! Abends habe ich mir dann die Flexuele selbst rausgezogen und eine Druckverband gemacht.

Ich denke, der 25.09.03 wird immer ein besonderer Tag bleiben. Der 27.09.03 geht dann hoffentlich als zweiter Geburtstag bei meinem genetischen Zwilling in die Geschichte ein. Ich wünsche ihm alles Gute, viel Mut und Kraft und vor allen Dingen keinerlei Abstoßungsreaktionen.

Ich würde jederzeit wieder spenden.

Christina Schumann

 

Vielen Dank für den Bericht an
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