13.12.2018
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Erfahrungsbericht nach CML und Brustkrebs


"Menschenskind, warum gerade ich!"


von Jutta Marr (30. September 2006)

Menschenskind, warum gerade ich!

So wird jede von Ihnen - liebe Mitpatientinnen - denken, wenn der Befund feststeht.
Die eine kann es nicht begreifen und meint, im falschen Film zu sein. Für eine andere bricht sofort die heile Welt zusammen, aber

ein langer Weg beginnt mit einem ersten Schritt!

Im August 1999 bekam ich aus heiterem Himmel die Diagnose Chronisch-Myeloische Leukämie (CML).
Eigentlich war ich nur abgespannt, müde und hatte Oberbauchschmerzen.
Diese Diagnose stellte ich damals neben mir ab, ich konnte es nicht glauben, vielleicht war dies eine Schutzfunktion.

Nach 4 Monaten Aufenthalt in der Station MK II des Krankenhauses Dresden-Neustadt bei Frau Oberarzt Dr. Huhn war meine Zeit eigentlich abgelaufen. Die Ärzte versuchten Ihr Bestes, aber die Medikamente, die bei anderen Patienten gut anschlagen, halfen mir nicht. Eine Transplantation kam aus Altersgründen damals nicht in Frage, ich war 56!
Durch Zufall bekam ich Kenntnis von der Studie in der ein neues Medikament mit bereits gutem Erfolg an Patienten getestet wurde. Frau OA Dr. Huhn bemühte sich, mir eine Teilnahme an dieser Studie zu ermöglichen, es war mein letzter Strohhalm.

Um mich kurz zu fassen: ich wurde in diese Studie aufgenommen. Täglich nehme ich 4 Kapseln dieses Studienmedikamentes, welches nunmehr zugelassen ist, kann mit den Nebenwirkungen leben und eigentlich ging es mir den Umständen entsprechend gut.
Alles was Freude macht, trägt der Genesung bei sagte man mir. Ich habe mit meinen Enkelkindern und guten Bekannten die tollsten Sachen gebastelt, übernahm die Leitung der Selbsthilfegruppe für Leukämie und Lymphomkranke in Dresden und versuchte ständig anderen Betroffenen Mut zu machen, ihnen Gesprächspartner zu vermitteln und letztendlich fast unbekümmert für meine Familie da zu sein.

Seit dem sind 6 Jahre vergangen. Und jetzt?
Mein Gynäkologe überwies mich zur Mammographie. Sie müssen nicht raten, welches Ergebnis ich zu hören bekam, es war Brustkrebs!
Hatte ich nicht schon genug an der Backe, musste nun noch ein Hieb drauf?
In der Frauenabteilung des Krankenhauses Dresden-Neustadt ließ ich die Punktion über mich ergehen, doch ein sehr angenehmes und aufklärendes Gespräch mit OA Dr. Mareck machte mir trotz aller Ängste etwas Mut um aus dem Schlamassel wieder herauszufinden.

Ich habe auch diesen Krebs jetzt akzeptiert, da ich weiterhin mit dem Gedanken leben muss-bist Du geheilt oder geht es irgendwann wieder von neuem los?
Leicht wird er es nicht mit mir haben, denn ich bin eine Kämpfernatur!

Wer A sagt, muss auch B sagen!

Heute ist genug Zeit vergangen um das Geschehen realistisch einzuschätzen.
Die Diagnose ist die eine Sache, aber danach muss etwas erfolgen, oder wir stecken den Kopf in den Sand!

Meine Diagnose bekam ich im September 2005. Im Oktober sollte der OP-Termin sein. Ich bat OA Dr. Mareck mir Aufschub zu gewähren denn ich wollte gerne noch das von mir vorbereitete Klassentreffen durchführen. Schließlich hatten wir viele von uns 48 Jahre nicht mehr gesehen und frisch operiert konnte ich auch nicht auftreten, ein bisschen eitel ist wohl jede Frau.

Allerdings hatte ich jetzt reichlich 14 Tage Zeit mich auf den Krankenhausaufenthalt vorzubereiten. Das war auch nicht so ideal!
Der Garten wurde noch schnell in Ordnung gebracht, die Wäsche erledigt und für meinen Mann kochte ich so viel wie möglich vor.

Nachdem alle Voruntersuchungen abgeschlossen waren erfolgte am 04. November 2005 eine brusterhaltende Operation.
Die OP habe ich gut weggesteckt, davor war mir auch nicht bange. Drei Tage musste ich nun auf das pathologische Ergebnis warten.
Herr OA Dr. Mareck bat mich in sein Sprechzimmer, ich zitterte innerlich und hoffte auf ein gutes Ergebnis. Durch die OP wurden mir ca. 5 cm aus der Brust entfernt. Die Ränder des entfernten Gewebes waren frei von Krebszellen. Zwei Wächterknoten wurden mir entfernt, welche zum Glück nicht befallen waren. Mir rutschte ein ganzer Felsbrocken von der Seele! Dr. Mareck stellet mich aber vor die Wahl es so zu belassen oder wenn ich 100% sicher gehen wolle, die Brust zu entfernen. Nach seiner Meinung gefragt antwortete er, dass ich es so belassen sollte und für meinen Mann und mich war diese Aussage sehr wichtig.

Eigentlich bin ich ein Mensch von schnellen Entschlüssen und gebe mich zufrieden, wenn das Resultat akzeptabel erscheint, aber bei diesem Entschluss habe ich kapituliert. Trotz Schlaftablette heulte ich fast die ganze Nacht und früh zur Visite kamen mir erneut die Tränen. Ärzte und Schwestern trösteten mich und gaben mir zu verstehen, dass diese Reaktion eigentlich ganz normal sein.
Eine halbe Stunde später gab ich Entwarnung, mir war in diesem Moment die ganze Tragweite erst richtig bewusst geworden. Die Aussage des Arztes war jetzt für mich die richtige Entscheidung.

An meinem Krankenbett besuchte mich Frau Dipl.-Psychologin Cornelia Schiebe. Was mir diese Frau an Kraft gegeben hat kann ich kaum beschreiben. Sie ist eine wunderbar einfühlsame und medizinisch versierte Frau. An drei Tagen besuchte sie mich, meinen Mann war an einem Tag anwesend und hatte den gleichen Eindruck von Frau Schiebe. Sie gab mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Mit wieviel Mut ich schon die Leukämie seit 6 Jahren bekämpfe und nun noch die neue Krebserkrankung, das alles zerrt schon am Nervenkostüm!

Mit den hilfreichen Ratschlägen der Psychologin bewaffnet begab ich mich nach einer Woche Krankenhausaufenthalt wieder nach Hause. Eigentlich war ich mit meinem Zustand schon sehr zufrieden aber Wäsche aufhängen und manch andere Sachen mit ausgestrecktem Arm waren noch nicht machbar. Dafür stand mir mein Mann hilfreich zur Seite.

Die OP war nun erledigt, eine Chemotherapie konnte auf Grund des Leukämiemedikamentes nicht erfolgen. Im Dezember begann ich mit einer Anti-Hormontherapie und 28 Bestrahlungen.

Die Anti-Hormontherapie mit „Arimidex“ soll eventuell noch vorhandene Fernmetastasen in Winterschlaf versetzen und somit die Zellteilung verhindern. Diese Tabletten hätte ich wunderbar vertagen, nur mein Leukämiemedikament „Glivec“ spielte nicht mit.
Ich machte auf Anraten von Dr. Dörfel – den ich mir als Hämatologen ausgesucht hatte, da er beide Krebsarten behandeln kann – eine Pause mit „Arimidex“ und versuchte nach 10 Tagen einen neuen Start mit „Tamoxifen“. Der Erfolg blieb aus, ich kann nicht 5 Jahre lang täglich mich übergeben, da macht das Leben nicht lebenswerter.

Am 8. Februar beschloss ich für mich , die Anti-Hormontherapie abzusetzen und somit halbwegs normal weiterzuleben. Das Risiko einer erneuten Krebserkrankung ist geringfügig höher, es muss aber auch nicht sein! OA Dr. Mareck hat mich in meinem Vorhaben bestärkt.

Die 28 Bestrahlungen in Dresden-Friedrichstadt gingen auch rasch vorbei. Man ist nur Sekunden den Strahlen ausgesetzt. Es kribbelt nicht, es zwickt nicht aber man ist bei einer Behandlung die man nicht kennt so furchtbar aufgeregt.
Nach 14 Tagen stellten sich Müdigkeit und Abgeschlagenheit ein. Am Ende war die Brust mit einem mäßigen Sonnenbrand versehen. Das müssen Sie sich aber nicht unbedingt annehmen, da jeder Mensch anders reagiert!

Heute ist der 19. Februar 2006, das Frühjahr kommt bald, mein Garten wartet auf mich und ich fühle mich eigentlich wieder fast fit. Nur mein Mann bremst mich wenn ich schon wieder anfange zu routieren, er möchte mich noch lange behalten. Ist das nicht ein guter Grund weiterzukämpfen?

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei allen Menschen bedanken, die zu meiner Genesung wesentlich beigetragen haben.
Das sind die Ärzte der Stationen Gy 1 und Gy 2, die Schwestern die das Gejammere der Patienten tagtäglich ertragen und immer ein liebes Wort finden, Frau Dipl.-Psychologin Schiebe, die Physiotherapeutin Frau Gerlach und alle, deren Arbeit scheinbar nebenbei abläuft.
Die Mitarbeiter des Brustzentrums – das sind OA Dr. Mareck, die Ärzte des Ambulanten Krebszentrums sowie die Ärzte der Strahlenklinik Dresden-Friedrichstadt – beraten wöchentlich über die weitere Behandlung der Patienten.
Das Ambulante Krebszentrum bringt Vorteile für alle Patienten in Bezug auf ambulante wohnortnahe Versorgung. Ich fühle mich jedenfalls gut beraten und betreut.

Einen Tipp kann ich Ihnen aus meiner Erfahrung geben. Suchen Sie sich einen vertrauensvollen Gesprächspartner mit dem sie über Ihre Ängste und Sorgen sprechenkönnen, denn darüber reden ist wichtig!
Sollte keiner ein Ohr haben, setzen Sie sich hin und schreiben einen Brief an irgend einen guten Freund, schreiben Sie alles von der Seele, auch wenn der Brief nie abgeschickt wird.

 

Ihre Mitpatientin Jutta Marr

 

Kontakt:
Kiefernweg 29
01109 Dresden
Tel.: 0351-8807288

Vielen Dank für den Bericht an
Jutta Marr


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