13.12.2018
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Erfahrungsbericht eines an AML (Untertyp AML - M3) erkrankten Patienten


(Juli 2006, Jahrgang 1962)

Stefan Wahler
Stefan Wahler

Es war Freitagnachmittag. Ich saß bei Dr. Laack in der onkologischen Ambulanz des Krankenhauses Eppendorf und wartete auf den Befund meiner Knochenmarkuntersuchung vom Vortag. Eigentlich war ich guter Dinge, denn ich erwartete, dass das Wegbleiben meiner weißen Blutkörperchen irgendeinen einfachen Grund haben würde. So hatte ich zum Beispiel vor kurzem ein Malariamittel eingenommen. "Es ist eine akute Leukämie und am Dienstag werden wir mit der Chemotherapie beginnen." Ich kann mich kaum noch an meine erste Reaktion erinnern, auch nicht daran, was ich meiner Freundin sagte, die draußen auf mich wartete. Nach außen hin war meine Reaktion sicher sachlich, gefasst und ruhig. Noch ruhiger als sonst. Auf dem Weg nach Hause fielen mir Gesichter und Geschichten von Patienten ein, die ich als Arzt mit genau dieser Krankheit behandelt und in den Tod begleitet hatte. Später am Tag sortierte ich mich. Testament machen, Finanzen ordnen, eine Liste mit allen Projektpartnern machen, denen meine Freundin ab Dienstag dauerhaft absagen sollte, im Internet und in Fachbüchern nach Informationen suchen.

Am Samstagmorgen saß meine Freundin aufrecht im Bett und hat geweint: "Jetzt habe ich Dich endlich gefunden - und dann so ein Schicksalsschlag", sagte sie. Wir beschlossen zu heiraten und versuchten, heraus zu finden, ob das evtl. in Dänemark direkt am Montag gehen würde. Den Rest des Wochenendes gingen wir spazieren und versuchten, weitere Informationen über die Behandlungschancen herauszufinden.

Glücklicherweise fanden wir am Montag dann doch einen Standesbeamten in Hamburg, den wir von der Dringlichkeit unserer Situation überzeugen konnten. Aus Eppendorf gab es nichts Neues. Man empfahl mir, Sperma vor der Therapie abzugeben, was ich am Dienstag um 8:30 Uhr tat. Um 10:00 haben wir geheiratet, ganz alleine, ganz traurig. Vom Standesamt aus ging es nach Eppendorf, wo ich etwa vier Monate blieb.

Das war, wie für alle anderen, die es betrifft, keine leichte Zeit. Ich wollte keine Besuche, außer von meiner Frau, und habe jeden Tag ein Stück gekämpft. Ich merkte bald, wer meine Freunde sind. Es gibt Menschen, deren Freundschaft bedeutet, dass man vor dem Schicksal keine Bange haben muss. Zugegebenermaßen ist es von Vorteil, Arzt zu sein. Ich kannte die Therapie und ihre Risiken. Ich wusste um die Tücke schwerer Infektionen und achtete sehr auf meine künstlichen Infusionszugänge. Ich vermied Keime, wo es sinnvollerweise möglich war. Dennoch bekam ich zweimal eine schwere Infektion, hatte aber Glück, dass die Antibiotika ausreichend schnell griffen. Es gab einige weitere kleine und große Komplikationen, die schwer zu erklären sind. Das große Wunder war für mich stets das Wiederkommen der Blutbildung, die nach einer starken Chemotherapie von nur wenigen gesunden Blut bildenden Zellen ausgeht.

Irgendwann war ich wieder zuhause, die Haare wuchsen wieder, die Schleimhäute waren wieder vollständig, und ein neues Leben begann. Da ich noch zwei Jahre eine Erhaltungschemotherapie bekam, riet man mir, in dieser Zeit nicht als Arzt mit Patienten zu arbeiten und keine Kinder zu zeugen. Ein halbes Jahr nach jenem Freitag machten wir Flitterwochen. Ein weiteres Jahr später kam unsere Tochter zur Welt, die durch eine künstliche Befruchtung gezeugt worden war. Wenn ich heute von der Arbeit zuhause am Bahnhof ankomme, steht meine Frau am Bahnsteig und meine Tochter läuft auf mich zu und ruft „Papa, Papa“. Ich weiß, mehr Glück kann es nicht geben.  

 

Vielen Dank für den Bericht an
Stefan Wahler


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