

Anhand dieses Erfahrungsberichtes möchte ich deutlich machen wie schwer es ist, mit einer Krankheit umzugehen, sie zu akzeptieren und sich ihr zu stellen, wenn man sie verdrängt.
Es fällt mir sehr schwer, einen Anfang zu finden, da wir nie gedacht hätten, einen uns sehr nahestehenden Menschen auf diese Art und Weise zu verlieren.
Ich versuche es trotzdem.
Hier möchte ich von meiner Schwiegermutter erzählen. Sie war eine sehr starke Frau, die immer wusste, was sie wollte.
Vor 22 Jahren bin ich in diese Familie gekommen und wurde wie eine Tochter aufgenommen. Zu meinen Schwiegereltern hatte ich immer ein besonderes Verhältnis. Nie gab es ein böses Wort zwischen uns und fast täglich telefonierten wir miteinander. Ich glaube, mein Mann war manchmal eifersüchtig auf seine Mutter, weil wir beide uns alles erzählt haben. Eine bessere Schwiegermutter hätte ich mir nicht wünschen können. Sie war immer für uns da und wenn wir einen Rat brauchten, konnten wir sie jederzeit fragen.
Zwei Enkelkinder bekamen meine Schwiegereltern und sie liebten die beiden abgöttisch. Auch unsere Kinder hatten ein gutes Verhältnis zu Oma und Opa, oft war es eher freundschaftlich. Wir alle haben viel Spaß miteinander gehabt.
Vor drei Jahren gab es ein einschneidendes Erlebnis in unserer Familie.
Mein Schwiegervater erkrankte an Hirnbluten. Von jetzt auf gleich war nichts mehr wie es war. Er kam ins Krankenhaus, lag einige Zeit im Koma und die Ärzte wussten nicht, ob er es überhaupt schaffen würde. Doch unsere Mutter gab die Hoffnung nie auf. Aufopferungsvoll pflegte sie ihren Mann, fuhr mit ihm zur Reha-Klinik, pflegte ihn anschließend zu Hause ganz alleine und stellte ihr eigenes Leben hintenan. Oft war sie verzweifelt und wusste nicht, wie es weitergehen sollten. In dieser schweren Zeit rückte unsere kleine Familie noch enger zusammen. Manchmal rief sie mich abends sehr spät oder morgens ziemlich früh an, um ihren Kummer loszuwerden. Unsere beiden Mädchen haben versucht, sie wieder aufzuheitern und irgendwie gelang es ihnen auch.
Jetzt, 3 Jahre später, geht es unserem Vater wieder ziemlich gut. Das hat er in erster Linie seiner Frau zu verdanken.
Einige Monate später, nachdem er wieder aus der Reha-Klinik zu Hause war, klagte meine Schwiegermutter über sehr starke Rückenschmerzen. Wir vermuteten, es käme durch die kräftezehrende Pflege, die sie ihrem Mann hat zukommen lassen, wurden jedoch viel später eines Besseren belehrt.
Nach langem Zureden ging sie endlich zu ihrem Hausarzt, der sie dann zu einem bekannten Hammer Hämatologen und Onkologen schickte. Sie habe Osteoporose, teilte sie uns mit und fühle sich bei ihm am besten aufgehoben. Uns war Herr Dr. W. bereits durch die jahrelange Krebskrankheit meines eigenen Vaters bekannt und so konnten wir uns ungefähr vorstellen, welcher Krankheit sie sich stellen musste. Darauf ansprechen konnten wir sie nicht. Immer wieder wehrte sie ab und wollte nichts davon wissen. Sehr behutsam habe ich versucht ihr zu erklären, dass Gespräche oft die seelischen Qualen erleichtern. Wir konnten doch immer über alles sprechen. Warum nicht auch darüber?
Sie veränderte sich sehr, psychisch und auch physisch. Manchmal kannten wir sie gar nicht wieder.
Die Ruhephasen zwischen ihren Schmerzen wurden immer kürzer.
Irgendwann konnte sie den Haushalt nicht mehr alleine führen. Da war es für mich selbstverständlich, dass ich half.
Dann endlich, Ende Dezember 2001 (!) hat sie uns gesagt, sie habe "etwas Bösartiges am Knochen". Unsere schlimmste Befürchtung wurde wahr. Sie hatte KREBS. Dieses Wort hat sie nie benutzt. Wie wir nach ihrem Tod erfahren haben, begann ihre Krankheit vor ungefähr vier Jahren.
Aufgrund einer "Kreislaufschwäche", wie sie uns damals beruhigte, wurde sie in ein Krankenhaus eingeliefert. Nach ihrer Entlassung erholte sie sich nie wieder richtig. Wir machten uns oft Gedanken, aber sie war eine gute Schauspielerin. All die Jahre hat sie uns nichts gesagt!!
Die Schmerzen waren mittlerweile unerträglich. Auf unsere Frage nach einer Chemotherapie sagte sie uns, sie habe sie aus Angst vor Nebenwirkungen abgelehnt. Dr. W. und sein Team hätten mit viel Geduld auf sie eingeredet, aber ohne Erfolg. Wir sind ihm und seinen Mitarbeiterinnen sehr dankbar für das Einfühlungsvermögen und die Ruhe, mit der sie meine Schwiegermutter behandelt haben. Auch Dr. W. musste akzeptieren, dass unsere Mutter über die ganzen Jahre ambulant und mit wenig aggressiven Mitteln behandelt werden wollte.
Oft hat er ihr vorgeschlagen doch ins Krankenhaus zu gehen. Aus Sorge um ihren Mann hat sie das jedoch immer wieder abgelehnt. Vielleicht hätte man ihr noch helfen können. Aber sie wollte nicht.
Hat sie den Ernst der Lage nicht erkannt, oder hat sie Panik bekommen bei dem Gedanken an ihre Krankheit? Leider erfahren wir die Antwort nicht.
Einige Zeit später nahm sie dann endlich eine Chemotherapie in Tablettenform an. Nachdem sie nun regelmäßig zu Dr. W. in die Praxis musste, wurde sie uns gegenüber etwas offener. Sie merkte nun doch wohl, dass sie alleine mit der Krankheit nicht fertig werden würde. Oft sprach sie davon, dass sie bald sterben müsse..
Nachdem ich sie über ein paar Tage regelmäßig spritzen musste und keine Besserung eintrat, machten wir uns große Sorgen um sie. Einmal waren ihre Schmerzen so groß, dass sie bei der kleinsten Berührung schon aufschrie. Ins Krankenhaus wollte sie immer noch nicht. Wahrscheinlich wusste sie, dass sie dort nicht mehr heraus käme und ihr Leben bald zu Ende sei. Unter Tränen hat sie uns einmal gesagt, sie würde sich etwas antun, wenn sie alleine wäre. Die Schmerzen seien nicht auszuhalten.
Unsere Angst um sie wurde immer größer. Manchmal fuhren wir 2 - 3 mal täglich zu den Schwiegereltern um ihnen das Gefühl zu geben, nicht alleine zu sein und wir sind heute froh darüber. Auch unsere Kinder gingen mit dieser schwierigen Situation ziemlich gut um. Es tat sehr weh zu sehen, was aus dieser quirligen, gesunden und immer gutgelaunten Frau geworden war.
Dann, am 15. Februar 2002, kam meine Schwiegermutter aufgrund einer Niereninsuffizienz ins Krankenhaus. All ihre Werte waren zusammengebrochen. Erst dort haben wir von ihrer Krankheit erfahren - PLASMOZYTOM -.
Erbrechen, Nasenbluten, Bluttransfusionen, fürchterliche Schmerzen und sehr große Angst haben sie lange begleitet. Jetzt war sie am Ende.
Im Krankenhaus musste sie viele Untersuchungen über sich ergehen lassen. Die Ärzte und das Pflegepersonal haben sich sehr liebevoll um sie gekümmert, auch wenn es nicht immer einfach mit ihr war. Sie wollte absolut keine Hilfe annehmen.
Zwischenzeitlich war die zweite Chemotherapie "im Sande verlaufen", da ihr Gesundheitszustand es nicht zuließ.
Nach einem epileptischen Anfall während unseres Besuches an ihrem Krankenbett war sie zwei Tage fast blind. Ob sich dieser Zustand vollständig gebessert hat, können wir nicht sagen. Sie kam dann für eine Nacht auf die Intensivstation. Dort saß ich am Bett meiner Schwiegermutter und hielt lange ihre Hand. Sie sagte mir ganz ruhig, dass sie jetzt sterben könne, alles wäre gut. Ich versprach ihr, wir würden sie gehen lassen und von da an wurde sie ganz ruhig.
Da wurde uns klar, dass sie uns bald verlassen würde.
Als wir sie am nächsten Tag besuchten, lag sie schon wieder auf der Station. Wir haben uns zwar gefreut, aber die Angst war größer. Wie würde es weitergehen? Kommt sie wieder nach Hause? Hilfe wollte sie selbst zu diesem Zeitpunkt nicht annehmen. Sie lehnte alles ab und meinte, zu Hause alleine klar zu kommen. Sie hätte ja uns, ihre Familie.
Während dieser Zeit hatten wir die ersten Meinungsverschiedenheiten in unserer 22-jährigen gemeinsamen Zeit. Sie wurde jetzt ziemlich ungerecht, doch wir schoben es auf ihre Krankheit. Sehr merkwürdige Gewohnheiten legte sie jetzt an den Tag und wir kannten sie fast nicht wieder. Auch unsere Kinder merkten, dass sie sich bald von ihrer Oma verabschieden müssten. Von Tag zu Tag schwand das Leben mehr aus ihrem Körper. Wenn sie mit uns sprach, schaute sie durch uns durch. Ich glaube, sie nahm uns gar nicht mehr richtig wahr. Es war manchmal unheimlich.
Am Freitag, d. 8. März 2002 sollte sie entlassen werden.
Oh Gott, wie würde es zu Hause weitergehen. Das Pflegebett war schon bestellt und alles organisiert. Bis zum Schluss war sie damit jedoch nicht einverstanden.
Am Morgen des 8. März fuhr ich also zum Krankenhaus um zu erfahren, wann sie denn jetzt nach Hause käme. In ihrem Zimmer fehlte ihr Bett und nur ihre Pantoffeln standen noch da. Es war furchtbar. Etwas Schlimmes musste passiert sein. Ich erfuhr von der Ärztin, dass meine Schwiegermutter bewußtlos in ihrem Bett aufgefunden wurde. Sie kam auf die Intensivstation und wurde von dem Zeitpunkt an beatmet. Aus dieser Bewußtlosigkeit erwachte sie nie mehr. Jetzt beteten und hofften wir, dass sie endlich von ihren Qualen erlöst werde. Ihre Nieren hatten versagt, der Kreislauf brach zusammen und sie hatte eine Blutvergiftung.
Hoffentlich hat sie gemerkt, dass wir bei ihr waren.
Am Sonntag, d. 10. März 2002 um 5.05 Uhr verstarb unsere Mutter.
Irgendwie waren wir schon erleichtert, dass sie jetzt endlich ihre Ruhe gefunden hatte. Doch begreifen können wir es bis heute nicht.
Warum hat sie ihre Krankheit so viele Jahre vor uns verschwiegen? Wir hätten ihr doch vielleicht helfen können und wenn es nur durch Gespräche gewesen wäre.
Warum hat sie die erste Chemotherapie nicht angenommen, die Dr. W. ihr angeboten hat? Warum hat sie sich nicht eher stationär behandeln lassen?
Warum? Warum? Warum?
Fragen über Fragen, doch die Antworten werden wir nie bekommen.
Sprechen Sie bitte mit Ihren Angehörigen über Ihre Krankheit. Sie sind nicht allein! Wir sind diejenigen, die jetzt leiden. Wir wollen Ihnen mit diesem Bericht deutlich machen, was Sie Ihrer Familie antun, wenn Sie Ihre Krankheit verdrängen.
Stehen Sie zu Ihr und kämpfen Sie - es lohnt sich!
Hinweis:
Informationen über die Erkrankung Plasmozytom / Multiples Myelom können Patienten sowie Angehörige über die Arbeitsgemeinschaft Plasmozytom / Multiples Myelom Selbsthilfegruppen (APMM) erhalten – eine Arbeitsgemeinschaft in der Deutschen Leukämie- & Lymphom-Hilfe Bundesverband e.V. (DLH).
Kontaktvermittlung zu den Selbsthilfegruppen:
DLH-Geschäftsstelle der DLH in Bonn:
E-Mail: info(at)leukaemie-hilfe.de
Homepage: http://www.leukaemie-hilfe.de
Nach dem Tod meiner Schwiegermutter haben wir den Kontakt zur Plasmozytom / Multiples Myelom Selbsthilfegruppe NRW e.V. aufgenommen (Mitgliedsgruppe in der APMM), für die umfangreichen hilfreichen Gespräche und zugesendeten Informationen möchte ich mich hiermit im Namen unserer Familie bei Herrn Jörg Brosig recht herzlich bedanken.
Ute Ehmann Fasanenweg 18 59229 Ahlen Tel.: 02388 1817
Vielen Dank für den Bericht an
Frau Ute Ehmann